Tigerstreifenbaby wartet auf Tarzan

ein Film von Rudolf Thome

Zum Inhalt:

"Wir sind jetzt verheiratet", sagt Luise (Cora Frost) zu Theo (Tilo Werner). Es ist Nacht und die Frischvermählten sind bei strömendem Regen unterwegs von den Flitterwochen nach Hause. Dann lacht sie ein schallend schönes Lachen, in dem noch echte Freude vorherrscht über die Verheißungen der Ehe, in dem aber auch schon das ungläubige Staunen steckt über das Anmaßende dieser Verheißungen. Jetzt geht die Suche nach dem Glück aufs neue los.

"Bist Du echt?" fragt sie zwei Tage später Frank (Herbert Fritsch), der vom Himmel gefallen und genau vor Luises Füßen gelandet ist. Ihre Stimme verrät die Furcht, er könne sich gleich wieder verflüchtigen. Er trifft zum ersten Mal auf eine Frau, denn er kommt aus einer Welt, in der die Frauen längst ausgestorben sind. Dort ist er bei Ausgrabungen auf einen Buchtitel gestoßen ("Tigerstreifenbaby wartet auf Tarzan"), und hat sich auf die Suche gemacht nach der Autorin Laura (Valeska Hanel). Schade, auch Luise hätte man Frank vergönnt. "Du riechst so gut", findet sie und will ihn küssen. Und weil Frank sich Luise anfangs beharrlich verweigert, nimmt diese den Umweg über Laura. Es sind die Frauen, die die Initiative ergreifen und die Entscheidungen treffen.

Zu dritt finden sie das Glück. In ländlicher Idylle unter brandenburgischer Sonne steht für sie die Zeit still. Es wird gepicknickt, getanzt und geliebt, in wechselnden Konstellationen. Alles ist sinnlich. Die Menschen, die Schauplätze, selbst die Schlange, die genüßlich eine Maus verspeist.

In der Idylle löst sich die Zeit auf. Ein Zustand, wie geschaffen für Cora Frost. Hier kann sie an Tisch und Bett ihren Gelüsten nachgehen und treibt Lethargie und Laszivität auf die Spitze. Für einen merkwürdigen Augenblick kehrt die Zeit dann doch ins Paradies zurück.

(frei nach Anke Sternebork, Süddeutsche Zeitung, 7.12. 1998; Christina Tilmann, Der Tagesspiegel, 27.8.1998; Katja Nicodemus, Tip, 19.8.1998; Merten Worthmann, Berliner Zeitung, 27.8.1998)


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S E X O H N E S T R E ß,
G L Ü C K O H N E E N D E

"Ich bin neidisch", sagt Luise morgens beim Frühstück im Garten. Denn Frank, hat vergangene Nacht mit Laura geschlafen. Aber was für ein profanes Wort für diesen Filmsex: Lange hat man keine so relaxt vor sich hin vögelnden Menschen gesehen. Thome verschont uns vor konvulsivisch zuckenden Becken, vor im sportlichen Wettkampf blöd Stöhnenden. Stundenlang bumsen ohne jeglichen Streß!

Natürlich muß Thome für dieses Paradies zu dritt die real existierenden Verhältnisse in diesem Land ein wenig zurückstellen Seine Tigerbabys und ihr Tarzan sind keine Wesen wie du und ich: Die Frauen sind direkt, zeigen ihr Begehren, gehen Risiken ein, tragen luftige Kleider mit fast nichts drunter, sind kreativ, intelligent, haben klasse Busen...

Thomes Schauspieler fahren im Cabrio an den See, ziehen sich nackt aus und schwimmen vor sich hin. Am Ende wird gestorben, und das ist gut so, denn sonst würden wir vor lauter Glück- und Utopieseherei unser eigenes Leben für so langweilig, unkonsequent und unutopisch halten, daß es zum Heulen wäre. Aber dank der drei Tigerstreifenbabys wissen wir, wo wir eigentlich hingehören. In die Zukunft, ins sonnengelb bezogene Bett. Und endlich werden die Frauen flüstern: "Du riechst so gut, Frank."
(frei nach Andreas Becker, die tageszeitung, 18.2.1998)

Die Kritik:


Mit schöner Regelmäßigkeit bringt Rudolf Thome seine kleinen unspektakulären Filme heraus. Hier geht es gleich im doppelten Sinne utopisch zu: Da ist zum einen der Science-Fiction-Aspekt mit dem Mann aus der Zukunft. Zum anderen wird die Beziehung des Professors zu den zwei Frauen derart übersinnlich harmonisch in Szene gesetzt, daß so manchem melancholisch veranlagten Zuschauer die Tränen kommen. Dieses wunderbare Fest der Liebe, in der jeder jeden liebt und alles ewig so weitergehen könnte, macht einige Längen in dem mit fast zwei Stunden deutlich zu ausufernden Film wett. (Martin Schwarz, Zitty, 26.8.1998)

Es gibt Filme, die sind grandios gescheitert. "Winterschläfer" von Tom Tykwer so einer, "Lost Highway" von David Lynch ebenfalls, und auch Rudolf Thomes "Tigerstreifenbaby wartet auf Tarzan" zählt in die Kategorie. Filme, in denen sitzt, glücklich, weil es so etwas noch gibt: Kino, das Utopien wagt, und ganz Sprünge, das nach den Sternen greift und den Mond vom Himmel holen möchte. Und Filme, denen man deshalb gern verzeiht, daß sie ihr hehres Ziel nicht erreichen, daß sie kläglich scheitern im lächerlichen Zwischendrin.
(Christina Tilmann, Der Tagesspiegel, 27.8.1998)

Rudolf Thomes märchenhafter Film träumt sanft und radikal zugleich die Utopie vom großen Glück und vom richtigen Leben, und nebenbei läßt sich durch das Kinodebüt von Cora Frost auch ein kleines Schauspielwunder erleben.
(Berliner Zeitung, 27.8.1998)
Zum Schauspiel der Frost:

Eine Schauspielerin fällt besonders auf. Die Diseuse und Kinodebütantin Cora Frost. Schlafwandlerisch-aufgeweckt macht sie aus Luise eine kleine Göttin von nonchalanter Bodenständigkeit und Frische. (Merten Worthmann, Berliner Zeitung, 27.8.1998)

In der Rolle der Luise gibt Cora Frost ihr Leinwanddebüt, und sie gibt es mit einer herben Gelassenheit, die sie als würdige Nachfolgerin von Marlene Dietrich kennzeichnet. Die rauhe, dunkle Stimme, der leicht manierierte Tonfall bringen Fremdheit und Verletzlichkeit in diese heile Welt. Da wirken die anderen Figuren notwendigerweise blaß.
(Christina Tilmann, Der Tagesspiegel, 27.8.1998)

Seit Hanna Schygulla ist keine mehr so durch einen deutschen Film gewandelt. Cora Frost hat es auch, dieses schwebende Danebensein, dem man eigentlich nur mit Widersprüchen auf die Spur kommt: diffus und zugleich präzise, abwesend und hyperpräsent, hellwach und bekifft. Wie bei Schygulla ist auch ihre Leinwanderscheinung eher Zustand als Darstellung.
(Katja Nicodemus, Tip, 19.8.1998)
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